“Andere Kunden kauften auch…” – mehr Umsatz durch Einsatz von Recommender-Systemen im B2C- und B2B-Sales

Amazon generiert 35% seines Umsatzes und Netflix 75% der Reichweite seiner Inhalte ausschließlich durch die Nutzung von Recommender-Systemen! Lernen Sie im folgenden Artikel, was Recommender-Systeme sind, was für Einsatzmöglichkeiten sich für Recommender-Systeme in Medienunternehmen bieten und welche Chancen durch ihre Nutzung realisiert werden können.

Was sind Recommender-Systeme?

In vielen Situationen sind Kunden oder Nutzer mit einer großen Auswahl an Produkten oder Inhalten konfrontiert. Die Kauf- oder Nutzungsentscheidung hängt in diesen Fällen maßgeblich davon ab, dass die für den Kunden bzw. Nutzer interessanten Produkte und Inhalte möglichst schnell und mit geringem Aufwand identifiziert werden können. Recommender-Systeme (dt. Empfehlungsdienste oder Vorschlagssysteme) sind Algorithmen-basierte Systeme, die für jeden Kunden automatisiert solche Produkte herausfiltern können, die für ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit interessant sind. Diese Systeme lernen aus historischen Verkaufsdaten, Kunden- und Produktinformationen welche Kunden sich für welche Produkte oder Inhalte besonders interessieren. Sie erstellen automatisiert für jeden Kunden Rankings der für ihn interessantesten Produkte und Inhalte und können hiermit den Prozess der optimalen Zuordnung von Kunde und Produkt bzw. Inhalt unterstützen.

Abbildung 1: Prinzipielle Funktionsweise von Recommender-Systemen

Amazon und Co.  – die Großen machen es vor

Prominente Unternehmen zeigen, was für ein enormes Potential der Einsatz von Recommender-Systemen bietet: Amazon zum Beispiel generiert 35 Prozent seines Umsatzes über Käufe, bei denen der Kauf-Impuls durch Produktvorschläge ausgelöst wurde. 75 Prozent der Inhalte (Filme und Serien), die bei Netflix konsumiert werden, wurden vorher über das hauseigene Recommender-System vorgeschlagen.[1] Da die Online-Werbeeinnahmen von Medienunternehmen hauptsächlich mit der Reichweite und Nutzungsdauer von Online-Inhalten skalieren, zeigt insbesondere das Netflix-Beispiel, welche Umsatzsteigerungschancen der Einsatz von Recommender-Systemen für Medienunternehmen bietet. Heutzutage nutzen die meisten Menschen täglich Suchmaschinen wie Google, die im Wesentlichen nichts anderes sind als riesige Recommender-Systeme, die zu einer Eingabe von Suchbegriffen passende Webseiten vorschlagen. Ein Großteil der Kunden von Medienhäusern ist zudem mit Vorschlagssystemen aus dem Onlinehandel und aus der Nutzung von Unterhaltungsplattformen wie Netflix, Youtube und Spotify bestens vertraut und weiß deren Vorzüge zu schätzen. Folglich ist das Risiko, dass eigene Systeme wenig oder schlecht angenommen werden, verhältnismäßig gering.

Abbildung 2: Artikelvorschlagssystem von Amazon

Die Einsatzbereiche in Medienhäusern sind vielfältig

Gerade in Medienhäusern gibt es eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten von Recommender-Systemen: So kann zum Beispiel über Cookies oder User-Accounts getrackt werden, welche User welche Inhalte auf Online-Nachrichtenseiten lesen. Basierend auf diesen Informationen können dann automatisiert User-individuelle Inhalte vorgeschlagen werden, so dass beispielsweise am Ende eines Artikels weitere für den User interessante ähnliche Artikel verlinkt oder User-individuelle Start-Seiten erstellt werden. Weiterhin können Recommender-Systeme genutzt werden, um zu entscheiden, für welchen User welche Werbung über Pop-Ups oder Banner ausgespielt wird. Wird verstärkt Werbung ausgespielt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für den User relevant ist, so können die Click-Through-Raten und damit auch die Werbeeinnahmen massiv erhöht werden. Im Kundenservice können Recommender-Systeme eingesetzt werden um automatisiert Lösungen für eingehende Anliegen vorzuschlagen. Diese können dann entweder direkt an den Kunden gesendet werden oder den Service-Mitarbeitern als Unterstützung bei der Kundenberatung dienen. Weiterhin stehen Mitarbeiter in der Verkaufsorganisation von Medienhäusern täglich vor der Herausforderung zu entscheiden, an welche Kunden sie mit welchen Produkten herantreten. Oft werden diese Entscheidungen hauptsächlich basierend auf persönlichen Erfahrungen getroffen. Ein Recommender-System kann die Erfahrungen aller Mitarbeiter für die gesamte Organisation zugänglich machen, die Mitarbeiter bei der Entscheidungsfindung unterstützen und neue Zusammenhänge aufdecken.[2]

Die technischen Hürden werden immer niedriger

Obwohl man den Einsatz hochentwickelter Machine-Learning-Methoden, wie sie bei Recommender-Systemen verwendet werden, hauptsächlich mit führenden Technologie-Unternehmen aus dem Silicon Valley verbindet, sind die Hürden für die Einführung von Recommender-Systemen überraschend niedrig. Als Datengrundlage reichen bereits einfache Aufzeichnungen darüber, welcher Kunde in der Vergangenheit welche Produkte gekauft bzw. welche Inhalte konsumiert hat. Die Einbeziehung weiterer Kunden- und Produktinformationen kann die Qualität von Recommender-Systemen zusätzlich verbessern. Schickler-interne Untersuchungen basierend auf realen Datensätzen haben aber gezeigt, dass bereits ausschließlich auf der Verkaufshistorie trainierte Systeme sehr gute Ergebnisse liefern können. Zudem können Systeme variabel aufgesetzt werden, so dass neu verfügbare Kunden- und Produktdaten später ergänzt werden können. Zusätzlich dazu, dass die benötigten Daten oft schon vorhanden sind, wird auch das Aufsetzen der Algorithmen immer einfacher. Zum einen gibt es mittlerweile eine sehr hohe Verfügbarkeit von Machine-Learning APIs, die viele vorgefertigte Programmbausteine beinhalten und somit die Entwicklung entsprechender Recommender-Systeme massiv beschleunigen können. Zum anderen stehen Cloud-Services wie Amazon Web Services für einen flexiblen und kostengünstigen Betrieb dieser Systeme zur Verfügung.

Fazit: Ergreifen Sie die Chancen

Medienhäusern bieten sich durch den Einsatz von Recommender-Systemen vielseitige Möglichkeiten um Umsätze zu erhöhen und Prozesse effizienter zu gestalten. Zusätzlich können dabei die Kundenzufriedenheit durch ein individuelleres und gezielteres Angebot gesteigert und Mitarbeiter in ihrer Arbeit entlastet und unterstützt werden. Die oben genannten Anwendungsbeispiele umfassen nur einen Ausschnitt potentieller Einsatzmöglichkeiten von Recommender-Systemen. Viele weitere Anwendungen insbesondere auch unter Einbeziehung weiterer Data-Science Methoden sind denkbar. Im Zeitalter der Daten sind, zumindest unter der Voraussetzung von entsprechender Datenverfügbarkeit und Integrierbarkeit von automatisierten Lösungen in bestehende Systeme, weiteren Anwendungen kaum Grenzen gesetzt.

Wenn Sie neugierig geworden sind, Fragen haben oder einfach mehr wissen möchten, steht Ihnen das Schickler Data-Science-Team gerne zur Verfügung: datascience@schickler.de

 

[1] Quelle: https://www.mckinsey.com/industries/retail/our-insights/how-retailers-can-keep-up-with-consumers
[2] Vgl. Christoph Mayer, Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen: Hintergrund, Anwendungsfälle und Chancen für Medienunternehmen, erschienen in MedienWirtschaft 03/2018

Schickler zeigt auf: Was die Blockchain für deutsche Verlagshäuser tun kann

Sie ist in aller Munde – und dennoch wird sie von den Wenigsten komplett durchdrungen – Blockchain. Im Zuge der Finanzkrise tauchte sie als Pendant zu dem aktuellen Geldsystem in Form der Digitalwährung Bitcoin auf. Über die folgenden Jahre reifte die Blockchain zu einer Plattform, in der Verträge zwischen Nutzern, ohne gegenseitige Vertrauensbasis lückenlos sicher geschlossen werden können. Grund genug sich der Frage zu widmen, was state-of-the-art Projekte der Blockchain für deutsche Verlagshäuser tun können.

Funktionsweise der Blockchain

Der Grundgedanke der Blockchain ist einfach. Eine Transaktion wird auf die zwei wesentlichen Akteure heruntergebrochen, wobei intermediäre Parteien entfallen. Beispielsweise beinhaltet eine einfache Bannerschaltung bei einem Digitalartikel eine Wertschöpfungskette mit Parteien wie Bannerherstellern, Agenturen oder Cyber-Security Firmen, welche alle ihren Teil vom Umsatz haben möchten. Dem Grundgedanken der Blockchain folgend müsste diese Bannerschaltung auf die zwei Protagonisten, namentlich Publisher und Werbeschaltenden, minimiert werden. Somit würden sowohl Transaktionskosten als auch Abwicklungsgeschwindigkeiten signifikant reduziert. Beschließen die zwei Parteien eine Transaktion, bspw. die Entscheidung des Werbetreibenden auf der Seite des Publishers einen Banner zu platzieren, wird sie in ein offenes Kassenbuch eingespeist und von anderen Nutzern verifiziert. Ist dieser Verifizierungsprozess abgeschlossen, wird ein neuer Block an die Datenkette gehängt und kann nicht rückgängig gemacht werden. Soviel zur Theorie, aber wie sieht das Ganze nun in der Praxis aus und was bietet der recht junge Blockchainmarkt aktuell?

Interessante Blockchain Projekte für Verlagshäuser

Blockchain im Werbemarkt

Die Technologie der Blockchain besitzt die Möglichkeit akute Herausforderungen für Online-Publisher zu lösen. Hierzu zählt bspw. die Ungewissheit über die Höhe der Werbeerlöse aus zukünftigen Artikeln. Die New York Interactive Advertising Exchange (NYIAX) ist eine Plattform mit dem Ziel, zukünftige Werbeverträge zu handeln. Das Blockchainbasierte Konzept greift hierzu auf Technologien der Nasdaq Börse zurück. Der Vorteil für Publisher liegt darin, zum aktuellen Zeitpunkt und garantierten Preisen, in Form eines Future-Vertrages, Werbeflächen verkaufen zu können, bei zeitgleicher Minimierung von dritten Profiteuren. Ziel der Plattform, die noch in den Kinderschuhen steckt, ist nach und nach über den Online Werbemarkt hinaus in Bereiche wie Print und Out of Home zu expandieren und eine Handelsbörse für zukünftige Werbeanzeigen auf allen Kanälen zu werden.

Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit der Bekämpfung des Onlinewerbebetrugs, bei dem Bots statt Menschen Traffic auf einem Banner generieren und somit jährliche Schäden von bis zu $16 Mrd. verursachen (Adloox). Die Lösung AdChain widmet sich mit einer eigenen Kryptowährung (sogenannte „coins“) dieser Problematik, indem sie ein Register einführt, bei dem die Teilnehmer incentiviert sind, Publisher auf ihre Legitimität und Reputation zu bewerten und auf einer Whitelist zu vermerken. Jeder Seitenbetreiber kann sich um einen Platz auf dieser Liste bewerben. In einem eigenen Ökosystem haben dann alle Teilnehmer die Möglichkeit, den Bewerber anzuzweifeln, also anzunehmen, dass dieser regelmäßigen Bot-Traffic generiert. In einem demokratischen Abstimmungsverfahren wird anschließend entschieden, welche Meinung überwiegt. Die mehrheitliche Meinung wird nach der Entscheidung in der besagten Kryptowährung vergütet. Im Ergebnis wird ein Whitelisting derer Websites erstellt, welche nach Meinung der Mehrheit seriöse Werbung ausspielen, die von echten Nutzern und keinen Bots angesehen wird.

Auch im Kampf gegen Adblocker bewegt sich etwas. Eines der führenden Projekte ist Brave: Gegründet von Brendan Eich, ehemaligem COO/CEO von Mozilla, versucht die Webbrowserlösung den Werbemarkt im Internet kundenfreundlicher zu gestalten und der zunehmenden Nutzung von Adblockern entgegenzuwirken. Analog zum Grundgedanken der Blockchain ist der Nutzer bei Brave Herr seiner Daten und wird dementsprechend auch an der Vergütung der Werbeeinahmen beteiligt. Hierbei wird die Kundenaufmerksamkeit quantifiziert und entsprechend aufgeteilt und ausgezahlt.  Im Gegenzug stellt Brave sicher, dass lediglich seriöse Werbung geschaltet wird. Durch diese Incentivierungsstruktur erhält der Kunde einen Anreiz, sich gegen die Nutzung eines Adblockers zu entscheiden, da er an jeder von ihm gesehenen Werbung mitverdient.

Blockchain für effizientere Paid-Content Strategien

Bezahlmodelle in Paid-Content können unterschiedliche Strukturen annehmen – von Jahresabonnements zu Tageszugängen – haben Bezahlschranken ihren Weg in das Portfolio von Medienhäusern gefunden. Insbesondere bei Fixed Fee Modellen gibt es allerdings die Herausforderung, dass mit sinkender Transaktionsgröße die durchschnittlichen Margen abnehmen, da die Transaktionskosten einen größeren Anteil am Gesamtbetrag einnehmen. Hier kann die Blockchain helfen: Durch Micropaymentmodelle, die einen Bruchteil der Kosten bestehender Transaktionskosten ausmachen, können Medienhäuser ihre Produkte noch zielgerichteter, kosteneffizienter und profitabler verkaufen. Ein namhafter Vertreter dieses Ansatzes ist Satoshipay. Hier kann der Publisher die Bezahlstruktur beliebig granular gestalten. Beispielsweise könnte ein Text, der ursprünglich einen Euro kostet, gedrittelt werden und mit einer linearen Steigerung pro Drittel vergütet werden. Oder noch extremer, könnten Paymentmodelle auf Zeilenbasis eingeführt werden. Somit würden jene Leser, die den Artikel wirklich lesen, mehr zahlen und die Leser, die sich zu Beginn des Artikels anders entscheiden, entlastet werden. Darüber hinaus sind die Transaktionskosten, die hierdurch entstehen weitaus geringer als über den herkömmlichen Bankenprozess.


Schicklers Empfehlung

Ob die Blockchain ihren Weg in das Tagesgeschäft von Verlagshäusern findet oder nicht, wird die Zeit zeigen. Nichtsdestotrotz zeigt sie uns wieder einmal die gnadenlose Geschwindigkeit, mit der Innovationen im digitalen Zeitalter vorangetrieben werden. Während Medienunternehmen noch vollumfänglich mit der Digitalisierung des eigenen Angebots beschäftigt sind, werden in den Denkzentren dieser Welt schon neue Ideen ausgeklügelt, die disruptiv für bestehende Modelle sein werden. Folglich sind Medienunternehmen gut damit beraten, sich möglichst agil für die Zukunft aufzustellen und mindestens mit einem Auge die aktuellen Entwicklungen weiterzuverfolgen.

Sensible IT-Prozesse außer Haus: NYT lagert E-Mail an Google aus

Die New York Times hat im Juni 2018 ihr komplettes E-Mail-System ausgelagert. Ausgerechnet Google vertraut das renommierte und weltbekannte Medienhaus seine oft sensiblen Daten an. Damit reagiert die New York Times auf massiv zunehmende Hacking-Aktivitäten auf ihre Server – und erhofft sich durch Google eine deutlich höhere IT-Sicherheit. Tatsächlich könnten die Experten von Google den Zugriff auf die sensiblen Daten der Times besser schützen als der Verlag selbst. Die Aufgabe zählt nicht zur Kernkompetenzen eines Medienhauses.

Daten und Fakten

Ein solcher Schritt scheint – zumindest im englischsprachigen Europa – seit Jahren nichts Besonderes zu sein. Die meisten Medienhäuser in Großbritannien haben bereits zu Google oder vergleichbaren Anbietern gewechselt. Allerdings: Die Journalisten verlassen sich bei eigenen kritischen Recherchen nicht ausschließlich auf ihren Provider. Untereinander nutzen sie sichere E-Mail-Alternativen. Kontakte zu Whistleblowern und anderen anonymen Quellen halten sie über andere etablierte Kanäle wie beispielsweise SecureDrop oder .onion

SecureDrop wurde 2013 von der FreedomofPress Foundation ins Leben gerufen. Seitdem erfreut sich das OpenSource „whistleblower submission system” großer Beliebtheit. Medienhäuser auf der ganzen Welt arbeiten damit.

Quelle: Webseite https://securedrop.org/

Alternativ etablierten Verlagen auch eigene Lösungen wie z.B. „heise Investigativ“.

Quelle: Webseite https://www.heise.de/investigativ/

Die Dienstleistungen, die die New York Times von Google nutzt, gehören zur G Suite. Das ist ein Paket mit verschiedenen Angeboten: Unternehmen wickeln damit ihren E-Mail-Verkehr ab, nutzen weitere Kommunikationslösungen oder können Daten in der Cloud speichern. Die Dienste sind also nicht gleichzusetzen mit dem kostenlosen Gmail-Service von Google.

Laut GoogleWatchBlog haben im Laufe der Jahre hunderttausende – vor allem kleinere Unternehmen – zu Googles G Suite-Angebot gewechselt. Damit haben sie ihre IT-Infrastruktur auf die Server des Unternehmens ausgelagert. Bis heute ist kein einziger erfolgreicher Hacker-Angriff auf Gmail- bzw. Google-Server bekannt.

Weltweite Diskussion auf Twitter

IT-Sicherheitsexperten diskutieren rege über die Entscheidung der New York Times und über mögliche Vor- und Nachteile.

Angeblich war der endgültige Auslöser für den Schritt das erfolgreiche Eindringen der chinesischen Regierung in das E-Mail-System der Times. Nach langer Diskussion mit der Rechtsabteilung und aufgrund von Kostenerwägungen sei die Entscheidung für Google gefallen (@mattyrosen).

Es sei unmöglich, ein auch nur halb so gutes 24/7 Sicherheitsteam wie bei Google bereit zu halten. Auf der anderen Seite hätte Google in der Vergangenheit immer wieder nicht den Anordnungen von US Regierungsorganisationen wie beispielsweise der NSA standhalten können (@bartongellman).

Andere führen auf, dass Google mittlerweile verstanden hätte, wie wichtig es sei, Journalismus von außen zu schützen und auch ungerechtfertigte Regierungsanfragen abzuwehren. Für die Times sei die Gefahr gehackt zu werden größer als Daten an die US Regierung geben zu müssen (@kevinchen).

Was offen bleibt: Hat Google unter geltendem US-Recht wirklich die gleichen Möglichkeiten wie ein Zeitungsverlag, Durchsuchungsbeschlüssen von Regierungsorganen zu widerstehen? Sollten die Journalisten einmal investigativ gegen Google selbst recherchieren: der Dienstleister bleibt in der Versuchung, einen Blick auf seine Server zu werfen.

Allerdings: Microsoft hat mit Office 365 sowohl in den USA als auch in Europa einen deutlich höheren Marktanteil bei der E-Mail-Auslagerung für Unternehmen als Google.

Diskussionen in Deutschland

Wie so oft sind die Kommentare im deutschsprachigen Raum dazu etwas anders gelagert. Hier stehen Themen wie Datenschutz/DSGVO, „Google = Datenkrake“, mögliche Alternativen etc. vorne an. Zudem wird beispielsweise bezweifelt, dass die Notebooks und Desktops der Redakteure jemals so sicher gegen Angriffe von außen gemacht werden können wie das eigene E-Mail-System.

Alle US-Unternehmen unterliegen dem Cloud Act und sind damit nicht DSGVO-konform. Einzig die Cloud von Microsoft für deutsche Office 365-Kunden liegt bei der Deutschen Telekom auf nationalen Servern. Weitere Beispiele für sichere dedizierte Mailserver in Deutschland bzw. in der Schweiz: Posteo.de, mailbox.org und ProtonMail. Ihre Größe ist allerdings nicht mit der von Google oder Microsoft vergleichbar.

Quelle: Webseite https://mailbox.org/

Quelle: Webseite https://posteo.de/

Quelle: Webseite https://protonmail.com/

Google wird hierzulande nachgesagt, alle E-Mails mit den neusten KI Routinen zu scannen – also auch die geschäftlicher Accounts. Wenn es um vertrauliche Mail-Inhalte geht, schützt dagegen eine up-to-date E-Mail-Verschlüsselung. Die Metadaten der E-Mails – also wer, wem, wann schreibt – kann jeder Betreiber der Mailserver weiterhin abgreifen. Damit bleiben E-Mails auch künftig ungeeignet für Whistleblower und anonyme Informanten.

Laut Erfahrungsberichten funktioniert die Google G Suite gut. Einzig ein zu häufiges Blacklisten der eigenen E-Mail-Accounts scheint noch ein Thema zu sein. Hier wendet Google offenbar die gleichen Algorithmen wie bei Gmail an: das Consumer Produkt muss mit viel mehr Spam zurechtkommen und markiert dadurch lieber zu viel als zu wenig Spam.

Fazit

Dedizierte kommerzielle Mailprovider verfügen über ein wesentlich höheres IT-Sicherheits-Know-how als es die IT-Abteilungen von Medienhäusern je wirtschaftlich darstellen können. Deshalb sind abseits der Kernkompetenz – also nicht nur bei E-Mail, sondern auch anderen kritischen IT-Prozessen – professionelle Partner immer vorzuziehen. Ob für Medienhäuser dafür US-Giganten wie Google oder Microsoft in Frage kommen, muss jedes Unternehmen selbst entscheiden. Ein etwas lockererer Umgang mit Datenschutz ist bei diesen Firmen zumindest in ihrer Heimat offensichtlich. Jedoch: Es gibt Alternativen in Europa und Deutschland, bei denen sowohl die Größe als auch die DNA deutlich näher an der von deutschen Verlagen liegen.

Die Trends der Zeitungsbranche 2018

Die Studie „Trends der Zeitungsbranche 2018“, durchgeführt vom Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und SCHICKLER, geht in die nächste Runde. Die Umfrage bietet aufgrund der Teilnahme von Entscheidern aus mehr als der Hälfte aller Tageszeitungen in Deutschland einen repräsentativen Einblick in die Zukunft des deutschen Zeitungsmarkts.

Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass sich der Rückgang der Printerlöse, sowohl im Leser- als auch im Werbemarkt, abschwächt. Während kleinere Verlage eine stabile Entwicklung im Print-Bereich erwarten, wollen große Verlage das digitale Wachstum verstärkt nutzen.

Übergreifend lassen sich aus der diesjährigen Studie drei generelle Trends ablesen:

1. Verlage zeigen weitgehende Bereitschaft, ihre Organisationsstrukturen 2018 zu verändern

2. Verlage setzen verstärkt durch Ausbau und Optimierung ihrer Paid-Content-Strategien auf die Monetarisierung digitaler Inhalte

3. Verlage bauen in der B2B-Vermarktung ein breites Angebotsportfolio auf und entwickeln sich dadurch zu 360-Grad-Dienstleisten

 

1. Organisation der Zukunft

 

Momentan ist die führende Strukturform in Redaktion, Lesermarkt und Werbemarkt die Integration von Print und Digital

Dabei geht es im Kern um zwei Fragen: 1. welche Komplexität haben die Produkte und internen Prozesse und 2. wie ist die Organisationsstruktur des Kunden aufgebaut. Beim Lesermarkt ist die Kundenstruktur vergleichsweise einfach: es gibt einen Leser. Daher macht es dort auch Sinn, Print und Digital integriert zu betrachten. Ob der Leser ein Print-Abo oder ein Digitales-Abo kauft, darf für den Leser keinen Unterschied machen. Es ist ein Kunde und es muss daher eine integrierte Lesermarkt-Organisation sein. Im Werbemarkt ist das Thema schon komplexer: Hier haben die Unternehmen für Marketing und Kommunikation eine interne Organisationsstruktur. Diese Struktur gibt die “Touchpoints” für die Verlage vor und legt die Rahmenbedingungen für die Organisation in der Werbevermarktung. Das Thema Digital wurde in den letzten Jahren bei vielen Unternehmen zum “Standard” und damit sind dort die Organisationen oft integriert. Im Werbemarkt müssen die Mediaberater daher heute die Klaviatur aus Print und Digital beherrschen – also auch in einer integrierten Organisation arbeiten. Wenn die Komplexität der digitalen Angebote jedoch zu hoch wird – zum Beispiel bei SEO, SEA, Entwicklung von Apps/Webseiten – arbeiten viele Werbevermarktungsorganisationen mit zusätzlichen digitalen Spezialisten, die den Mediaberater unterstützen.

 

2. Paid Content 2.0

 

Die Hälfte der Verlage möchte durch strengere Regeln für ihr Bezahlmodell ihre Paid-Content-Strategie optimieren

Die Verlage glauben an Paid-Content. Nach Jahren des Aufbaus der Paid-Content-Angebote geht es nun an die Optimierung. Fast 80% der Verleger und Geschäftsführer sagen, dass Paid-Content sehr wichtig bis existenziell für die Verlage ist – das ist eine starke Aussage. Paid-Content ist im Kern die Abkehr von der Kostenloskultur. Wenn man die bisherige Kostenloskultur im Digitalen gedanklich auf Print übertragen würde, so würde dies bedeuten, dass man ein Produkt in der Qualität einer Tageszeitung über ein Geschäftsmodell wie ein Anzeigenblatt betrieben hat – also rein werbefinanziert. Die bisher aufgebauten Paid-Content-Angebote konnten die Rückgänge im Print zwar noch nicht auffangen. Aber die Verlage glauben an Paid-Content und optimieren. Ermutigt werden sie durch aktuelle Studien, die belegen, dass die Bezahlbereitschaft der Nutzer für journalistische Inhalte in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat. Strengere Regeln für die Bezahlmodelle bedeuten zum Beispiel, dass Metered-Modelle auf eine geringe Anzahl frei zugänglicher Artikel geschaltet werden. Beim Freemium-Modell bedeutet dies, dass mehr Inhalte hinter der Bezahlschranke liegen. Immer häufiger und früher wird der Nutzer aufgefordert, sich auf der Website zunächst zu registrieren, um limitiert weitere kostenlose Inhalte und Vorteile zu nutzen. Damit kann das kostenpflichtige Angebot unverbindlich getestet und die Schwelle zur Bezahlbereitschaft gesenkt werden.

 

Die Weiterentwicklung der Paid-Content-Strategie beinhaltet aus Sicht der meisten Verlage auch eine Preisdifferenzierung nach Zielgruppen

Hierzu gibt es bereits erste Ansätze: Die Westdeutsche Zeitung rechnet die Paid-Content Nutzung nach Minutenpreisen ab. Die Ibbenbürener Volkszeitung ermöglicht Nutzern bestimmte Themenkanäle, zum Beispiel nur den Sport, digital zu abonnieren. Die Möglichkeiten hier sind vielfältig. Immer häufiger wird das Bezahlangebot im Netz nicht mehr nur einzeln angeboten, sondern im Rahmen von umfangreichen hochpreisigen Bundle-Angeboten, zusammen mit Print, E-Paper, App, Club-Vorteilen oder Endgeräten. Welches Modell am Ende gewinnt ist heute noch unklar. Wichtig ist, dass Verlage von starren Projektstrukturen abkehren und in einen agilen Experimentiermodus gelangen. Digitale Produkte haben gegenüber Print einen wichtigen Vorteil: man kann Erfolg und Misserfolg unmittelbar messen. Die Analytics-Möglichkeiten sind schier unbegrenzt und Veränderungen können innerhalb von Stunden oder Tagen bewertet werden. Die Experimentierkultur ist das eigentliche Erfolgskriterium für die Verlage.

 

Verlage bauen ihre bestehenden Paid-Content-Modelle durch zusätzliche Produkte für Paid Content weiter aus

Zeitungsverlage experimentieren mit Ansätzen im Bereich „Data Driven Publishing“. Datengetriebene Produkte sind dadurch gekennzeichnet, dass Inhalte automatisiert und zielgruppenspezifisch ausgespielt werden können. Es reicht nicht mehr aus, ein Produkt für alle anzubieten. Ein Beispiel hierfür ist das „NOVA“-prämierte Projekt „Programmatic Publishing“ der Mainpost, mit dem Leser online dank automatisierter Prozesse auf ihre individuellen Interessen zugeschnittene Inhalte erhalten. Ein Analyse- und Personalisierungstool sammelt Informationen über den Nutzerstatus, die Zugriffsberechtigung, wie häufig der Nutzer auf den Angeboten unterwegs ist und vor allem welche redaktionellen Inhalte für den Nutzer relevant sind. Die gezielte Ausspielung führt zu einem stärkeren Wachstum von Online-Abos und zu einer wesentlich intensiveren Nutzung der Inhalte.

Daneben entwickeln Verlage nach wie vor vielfältige Apps, vor allem für den lokalen Raum. Der E-Paper-Anteil an der verkauften Zeitungs-Auflage hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Weitere neue Produkt-Angebote sind für die Zukunft zu erwarten. So haben viele Verlage in der Vergangenheit etwa digitale Sonntagszeitungen gestartet.

 

3. 360° Vermarktung

 

Mehr als die Hälfte der Verlage sieht erhebliche Marktchancen in dem Bereich Messen und Veranstaltungen

Beim Geschäftsfeld Messen haben Verlage zwei wichtige strategische Vorteile: 1. Ein großer Kostenblock bei Messen ist die Werbung. Verlage können ihre eigenen Medien nutzen, um Messen fast kostenfrei zu bewerben. 2. Verlage besitzen exzellente Kontakte zu den regionalen Unternehmen. Diese Unternehmen sind zugleich Aussteller für Messen.

Weiter können Verlage attraktive Marketingpakete aus Messestand plus Werbeanzeigen vermarkten. Da die Veranstaltung und Vermarktung von Messen aufwändig ist, stellt sich die Frage der Skalierbarkeit: eine oder zwei Messen pro Jahr zu veranstalten bringt noch nicht den notwendigen Skaleneffekt. Ein Portfolio aus Messen jedoch schon. Bei der Auswahl der Messethemen müssen Verlage strategisch vorgehen: welche Themen sind in der Region unbesetzt, für welche Unternehmen hat man aktuell kein ausreichendes Werbeprodukt? Kann ich mit etablierten Anbietern ggf. Kooperationen eingehen? Messen können ein wichtiges und profitables Standbein für Verlage sein – wenn man es richtig angeht.

Können Medienanbieter durch Content Verticals neue Erlösquellen erschließen?

Für Medienunternehmen stellt sich im digitalen Zeitalter immer wieder die Frage nach wirtschaftlich erfolgreichen Geschäftsmodellen. An großen Playern wie Google und Facebook kommt dabei kaum einer vorbei – denken wir an Themen wie Refinanzierung durch digitale Werbeerlöse. Zudem befinden sich die digitalen TKPs in weiter Ferne von denen im analogen Bereich. Die immer größere Bedeutung von Programmatic übt nur weiteren Druck auf sie aus.

Dabei sind Medien und besonders ihre Medienmarken in einer sehr privilegierten Situation: Sie entwickeln und vertreiben Content mit hoher Kompetenz, Relevanz und Glaubwürdigkeit. Dazu bringen sie jede Menge Prozessknowhow mit, entsprechende Systemlandschaften und redaktionelle Kapazitäten. Ein weiteres Pfund: massenhaft Reichweite auf digitalen Plattformen. Keine schlechten Voraussetzungen also.

Schauen wir uns die derzeitigen Online-Angebote an, fällt auf: Hier tummeln sich immer mehr sogenannter Verticals – ausgerichtet auf spezielle Zielgruppen, Lebenssituationen oder Themen. Die Guten und Relevanten können sich neben großen Plattformen durchaus profitabel entwickeln. Dank inhaltlicher Tiefe und entsprechender Service-Angebote rekrutieren und binden sie eine sehr loyale und engagierte Leser- bzw. User-Basis. Eine Monetarisierung über primär transaktional orientierte Modelle kann dann folgen. Das Ergebnis: Ein Trend weg von immer unattraktiveren CPM-Modellen hin zu CPL/CPA und im Idealfall CPO-Modellen. Zudem steigt das Potenzial für Content Marketing.

Einige Beispiele für Verticals im deutschsprachigen Raum: pflege.de (Leben & Wohnen im Alter), urbia.de (Familie), onmeda (Gesundheit) oder Travelbook (Reisen). Auch eine Verlängerung in analoge Medien ist bereits Realität, z.B. bei chefkoch.de. In reinen B2B-Segmenten sind Verticals ebenfalls weit verbreitet, z.B. chemie.de.

Das primäre Ziel der Verticals: Zentraler Anziehungspunkt für das jeweilige Thema, die entsprechende Zielgruppe oder Lebenssituation werden. Die Monetarisierung, z.B. durch transaktionale Geschäftsmodelle erfolgt dann im nächsten Schritt.

Ob ein Vertical ausreichend Potenzial hat und ob es sich lohnt, in den Aufbau zu investieren, gilt es genau unter die Lupe zu nehmen. Dabei können u.a. folgende Fragen helfen:

  • Welche erfolgreichen Player sind in dem Segment bereits unterwegs?
  • Ist das Monetarisierungspotenzial begrenzt?
  • Sind regulatorische Hürden zu berücksichtigen?
  • Kann das Medienunternehmen mit vertretbarem Aufwand ausreichend Kompetenz aufbauen?

Attraktive Verticals richtig abzugrenzen, ist erfolgsentscheidend und anspruchsvoll. Erfolgreiche Beispiele aus anderen Ländern oder Regionen können hier helfen. Doch Vorsicht: Nicht alle Modelle aus dem Ausland stoßen auch auf Interesse im eigenen Land. Analysen zu Kaufverhalten in spezifischen Zielgruppen, Branchensegmenten, Nischen oder Themen sind hier hilfreich. Einige Beispiele:

  • Mobilität
  • Altersversorgung
  • Reisen
  • Beziehungen
  • Technologie / Wissenschaft
  • Zuhause (inkl. Themen wie Haustiere, Garten, Inneneinrichtung, …)

Auch wenn Content Verticals nicht das alleinige Heilmittel für Medienunternehmen im digitalen Raum darstellen können: sie bieten eine attraktive und fast unbegrenzte Angebotspalette. Allerdings braucht der rentable Aufbau seine Zeit und ein Vertical allein wird es nicht tun: Einige werden fliegen, andere werden scheitern. Interessant ist jedoch, dass sich Erfahrungswerte und Infrastruktur (Technik, Prozesse, Skills, Conversion-Hebel) von einem Vertical zum anderen häufig übertragen lassen.

Darauf wird irgendwann die Frage folgen, ob eine Verlängerung der Wertschöpfung der Verticals hin zu eigenen e-commerce-Aktivitäten sinnvoll wäre oder eine enge Kooperation mit externen Shops. Je stärker das Vertical ein Segment dominiert und sich dort zur #1-Plattform für Information, Kommunikation und Dienstleistung entwickelt, umso mehr Möglichkeiten bieten sich zur Monetarisierung jenseits des klassischen Werbemarktes. Aber das ist erst der nächste Schritt.

Fairfax Media oder was deutsche Verlage aus Down Under lernen können

Denken Sie an einen Verlag, der erfolgreich am digitalen Wandel partizipiert. Vermutlich kommt Ihnen einer der großen deutschen Player in den Sinn – Axel Springer oder Burda. Doch was passiert eigentlich außerhalb des eigenen Umfelds, bspw. in Ländern fernab des atlantischen Ozeans?

Mit Blick nach Australien und Neuseeland würde Ihnen ziemlich sicher Fairfax Media über den Weg laufen. Es ist das zweitgrößte australische Medienunternehmen direkt nach Murdochs News Corp Australia. Im Grunde hat Fairfax Media viel mit deutschen Verlagen gemein: sinkende Erlöse aus dem klassischen Verlagsgeschäft setzen eine hohe Kostendisziplin voraus und haben in den letzten Jahren zu schmerzhaften Einschnitten geführt. Im Fall von Fairfax Media sind auch die Aktionäre betroffen: der Preis pro Aktie fiel von seinem Hoch im Jahr 2000 mit 6,10 AU$ um über 95% bis 2012 und pendelte sich seitdem bei etwa 0,8 AU$ ein. Das Platzen der Blase Anfang der 2000er Jahre hat Spuren hinterlassen – auch das kennt man aus Deutschland.

Umso konsequenter hat Fairfax Media auf die digitale Transformation reagiert und seinen Weg bereits früh auf „digital first, print second“ ausgerichtet. Auch wenn realistisch betrachtet Print-Umsätze auch in den nächsten Jahren noch einen hohen Stellenwert einnehmen, ist die Handschrift der Neuausrichtung klar erkennbar. Bis 2016/2017 konnte der Anteil der digitalen Umsätze bei einem Gesamtumsatz von 1,7 Mrd. AU$ auf 25% gesteigert werden – zudem lieferte das Digitalgeschäft im Geschäftsjahr 2015/2016 bereits rund 40% des EBITDA-Beitrags. Die 2013 eingeführte Paywall bei den hauseigenen Flaggschiffen The Sydney Morning Herald, The Age und The Australien Financial Review hatte hierbei maßgeblich Einfluss auf die Entwicklung der digitalen Erlöse. Mit insgesamt rund 236 Tsd. Digital-Abos der drei größten nationalen Zeitungen im Portfolio konnte das starke Wachstum der letzten Jahre beibehalten werden (in 2016/2017: +21%).

Schaut man sich jedoch einmal die verschiedenen Aktivitäten von Fairfax Media an, ist zu erkennen, dass die Summe der digitalen Aktivitäten ausschlaggebend für einen nachhaltigen Erfolg ist. Das Portfolio von Fairfax Media umfasst heute Aktivitäten in den Bereichen „Information / Publishing“, „Marketplaces“ und „Entertainment / Digital“. Treibende Kraft hierbei ist das Netzwerk der Online-Immobilienplattformen unter dem Dach der Domain Group (Bereich: Marketplaces). Alleine in den letzten drei Jahren investierte Fairfax Media 175 Mio. AU$ in das Wachstum der Gruppe. Heute reiht sie sich hinter der REA Group als zweitgrößtes Immobiliennetzwerk Australiens ein. Um mit frischem Kapital weiter zu expandieren plant Fairfax Media einen spin-off der Domain Group, bei dem sie weiterhin mehrheitlich beteiligt bleiben. Mit rund 20% Umsatzanteil bzw. 40% EBIT-Anteil nimmt die Domain Group bereits heute innerhalb von Fairfax Media eine bedeutende Stellung ein.

Insgesamt operiert Fairfax Media mit über 36 digitalen Geschäftsmodellen am Markt – die meisten hiervon gebündelt in der Fairfax Media Digital Ventures. Schwerpunkte sind hierbei Content-und Immobilien-Portale sowie Investitionen im Bereich e-health, Online-Bildung und Wetter-Service. Als Herzstück dieser Digitalisierungsbemühungen sieht Fairfax Media jedoch ihre „subscription video on demand“ (SVOD) Plattform Stan, die als Joint Venture betrieben wird. Im Jahr 2015 startete man sein Programm wenige Monate vor Netflix. Mit aktuell knapp einer Millionen Abonnenten erfreute sich der SVOD-Dienst an einem starken Umsatzwachstum (+150%). Fairfax Media baut auf die Vorteile ihres frühen Markteintritts, exklusiven Deals mit amerikanischen Studios (bspw. Showtime) und setzt in hohem Maße auf australische Eigenproduktionen.

Die unterschiedlichen Aktivitäten unterstreichen, dass Fairfax Media sich bereits auf der zweiten Welle der digitalen Transformation befindet: die Grundlagen im Publishing-Bereich sind gelegt und man versteht sich als digitales Powerhouse, das weiterhin auf seine Kernkompetenzen setzt und gezielt mit diversifizierten Geschäftsmodellen in neue Marktlücken vorstoßen möchte. Hierbei werden in allen Segmenten attraktive EBITDA-Margen erzielt (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Übersicht EBITDA-Marge Fairfax Media Portfolio-Segmente im Geschäftsjahr 2016/2017; eigene Darstellung

 

Was können deutsche Verlage von Fairfax lernen?

Die strukturellen Herausforderungen sind in Australien im Vergleich zum deutschen Markt ähnlich und erfordern, dass traditionelle Geschäftsmodelle neu gedacht werden müssen. Am Beispiel von Fairfax Media zeigt sich, dass die digitale Transformation kein einmaliger Prozess ist, sondern iterative, nicht abschließende Anstrengungen erfordert und dabei das Kerngeschäft nicht vernachlässigt werden sollte. Durch die konsequente digitale Transformation des Publishing-Bereichs hat sich Fairfax Media in einem schwierigen Marktumfeld neue Spielräume für die weitergehende Diversifizierung erarbeitet. Gleichzeitig wird durch ein aktives Portfolio-Management nachhaltiger Wert geschaffen. Durch vielschichtige Investitionen sowohl horizontal als auch vertikal erscheint Fairfax Media heute breiter aufgestellt denn je. Ob dies reicht, um in einigen Bereichen die Vorreiterrolle bei digitalen Geschäftsmodellen durch neue Aktivitäten auszubauen wird sich zeigen. Die Basis hierzu hat Fairfax Media jedoch gelegt.