UKW vs. DAB+: Die Zukunft des Digitalradios in Deutschland

Ist DAB+ die Zukunft des Radios? Oder haben 5G, Smartspeaker & Co. die Übertragungstechnologie längst überholt? Und welchen wirtschaftlichen Effekt haben DAB+ und die immer wieder diskutierte UKW-Abschaltung für Radiosender?

DAB+ – „Digital Audio Broadcast“ – steht für die digitale statt der analogen UKW-Übertragungstechnologie. Das „+“ steht dabei für einen weiterentwickelten Standard – denn digitales Radio gibt es tatsächlich schon seit einiger Zeit. Entwickelt wurde die erste Version des Digitalradios bereits in den 90er Jahren. 2011 wurde die weiterentwickelte Version DAB+ vorgestellt. Mit einer nochmals verbesserten Audioqualität und geringeren Sendekosten soll sie UKW den Kampf ansagen. Die Vorteile, die digitales Radio mit sich bringt sind vielfältig: verbesserte Audioqualität, geringere Übertragungskosten und mehr Sender. Anders als bei UKW gibt es für DAB+-Sender fast unbegrenzt Übertragungskapazitäten. Sie bietet den Hörern eine größere Auswahl an Programmen. Zudem eröffnet DAB+ den Hörern weitere Mehrwertdienste, beispielsweise blendet es Album-Cover der jeweiligen Songs ein.

Deutschlandweit wurden bis heute fast 12 Millionen DAB+-fähige Geräte verkauft. Alleine im Jahr 2017 waren es 1,3 Millionen (Quellen: Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten, HEMIX). Damit ist der Verkauf von DAB+-Radios im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent gewachsen. Demnach haben inzwischen knapp 16 Prozent aller Deutschen Zugang zu einem DAB+-fähigen Gerät – Tendenz steigend. Die Mehrheit setzt allerdings nach wie vor auf analoges Radio – was die Reichweite von UKW mit 95 Prozent zeigt. Zudem laufen bisher lediglich 7 Prozent der Autoradios über DAB+ (Quelle: Die Medienanstalten, Digitalisierungsbericht 2017). Um die Vielfalt der verschiedenen Sender zu fördern und Kosten zu sparen, kommt immer wieder die Diskussion einer UKW-Abschaltung auf. Private Radiosender fürchten, dass sie damit in naher Zukunft deutlich an Hörern verlieren würden und so auch weniger Erlöse aus Werbung erzielen könnten. Möglicherweise könnten Hörer ohne DAB+-Gerät eher auf ein Radio verzichten, statt ein Gerät mit der neuen Technologie zu kaufen.

Die Schickler Unternehmensberatung hat in einer eigenen Studie untersucht, wie eine UKW-Abschaltung sich auf die wirtschaftlichen Effekte von privaten Radiosendern auswirkt. Die Ergebnisse präsentierte Schickler-Berater Dr. Christoph Mayer auf den Medientagen München. Aus der Studie geht hervor, dass eine Abschaltung von UKW für private Radiosender erst dann tragbar sein wird, wenn DAB+ eine Reichweite von ca. 90 Prozent erreicht. Basis der Berechnungen sind die Kosten und Einnahmen realer Radiosender in Deutschland, die stündlich zwischen 20.000 und 1 Million Hörer haben und so eine Bandbreite an privaten Radiosendern repräsentieren. Um zu prognostizieren, wann DAB+ eine Reichweite von 90 Prozent erreicht, nutzt die Studie verschiedene mathematische Modelle, die zu unterschiedlichen Verlaufsszenarien für die DAB+-Reichweite in Deutschland führen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Szenarien für die Entwicklung der DAB+-Reichweite in Deutschland

  • Ländermodelle Norwegen und Großbritannien: Das Ländermodell überträgt die Entwicklung von DAB+ in den vergangenen zehn Jahren in Großbritannien und Norwegen auf Deutschland (Abbildung 2).

    Abbildung 2: DAB+-Reichweite Deutschland, Norwegen und Großbritannien

    Basis für das Modell lieferte die Beobachtung, dass der Stand von DAB+ in Deutschland momentan etwa dem Stand in Norwegen und Großbritannien vor zehn Jahren entspricht. Bei näherer Betrachtung allerdings erscheint ein Vergleich mit Norwegen unrealistisch: politische Abläufe in Deutschland und Norwegen unterscheiden sich grundlegend. Einen weitaus tragbareren Vergleich liefert Großbritannien: politisch und technologisch ähnliche Rahmenbedingungen ermöglichen einen direkten Vergleich. Demnach hat Deutschland im Jahr 2039 eine DAB+-Reichweite von 90 Prozent entwickelt.

  • Durchdringungsmodell: Das zweite Szenario beruht auf dem Bass-Diffusionsmodell. Das mathematische Modell untersucht den Verlauf der Durchdringung neuer Technologien am Markt und wendet es auf DAB+ an. Demnach ist die Reichweite von DAB+ in Deutschland frühestens ab 2033 groß genug, um UKW abzuschalten, ohne dass es die Überlebensfähigkeit privater Radiosender bedroht.
  • Erneuerungsmodell: Diesem Szenario liegt die Erneuerungsrate von Radiogeräten in Haushalten und Autos in Deutschland zu Grunde. Sie steigt deutlich, wenn UKW abgeschaltet ist. Das wiederum beeinflusst den Verkauf von DAB+ stark. Das Erneuerungsmodell sagt für 2036 eine Entwicklung der Reichweite auf 90 Prozent voraus.

Die Modelle vereint, dass die Reichweite von DAB+ erst in ferner Zukunft hoch genug sein wird, um für private Radiosender eine tatsächliche Alternative zu UKW darzustellen. Um die Konsequenzen einer zeitnahen UKW-Abschaltung abschätzen zu können, berechnet die Studie zusätzlich die Umsatzverluste der Radiosender bei einer Abschaltung im Jahr 2030, 2025 und zum jetzigen Zeitpunkt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Umsatzverluste durch UKW-Abschaltung in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Abschaltung

Bei einer Abschaltung von UKW im Jahr 2018 müssen die untersuchten Sender mit einem Umsatzverlust von durchschnittlich über 60 Prozent rechnen.  Auch 2025 kostet eine Abschaltung noch mehr als 25 Prozent des Umsatzes.

Die Studie zeigt deutlich, dass eine vorschnelle Abschaltung von UKW die Existenz vieler Radiosender bedroht. Dem politischen Ziel von DAB+, nämlich eine größere Vielfalt an Sendern zu schaffen, könnte also schnell ein Sterben von Radiosendern folgen. Auch die eng gefasste Gegenüberstellung UKW vs. DAB+ hat sich in der Realität bereits überholt. Neue Technologien wie Smartspeaker, 5G Broadcast Mode und Co. führen zu einer Vielzahl neuer Übertragungswege. Radiosender müssen sich darauf einstellen, sämtliche Übertragungswege zu bespielen – denn am Ende entscheidet der Hörer.

Die vollständige Studie kann beim VBRA heruntergeladen werden, der auch einen Bericht zur Veranstaltung auf den Medientage München bereitstellt.

Zahlen bitte! Und lange Artikel!

Zahlen bitte! Und lange Artikel!

Visits, Uniques, Time spent: Sind solche Zahlen wirklich geeignet, besseren Content zu produzieren? Tom Rosenstiel leitet das American Press Institute (API) und glaubt an das Gegenteil: „Die Kennzahlen, mit denen wir normalerweise den Erfolg von Webseiten messen, sind nicht für Journalismus oder Content gemacht“, sagt er. „Sie sagen Dir nur, ob eine einzelne Geschichte gut funktioniert hat, nicht warum. Sie helfen Reportern nicht dabei, bessere Inhalte zu produzieren.“

Rosenstiels API hat deshalb das Metrics for News-Projekt ins Leben gerufen: 55 US-Publikationen machen mit. Die Daten, auf denen die Empfehlungen des Instituts beruhen, basieren auf rund 400.000 Artikeln. Geschaut wurde beispielsweise darauf, wie die Zahl der Leser mit Themengebieten und Artikellänge zusammenhängt oder ob eher nachrichtliche oder erzählerische Sprache mehr Leser und mehr Involvement bringt.

Die Ergebnisse dieser Forschung beantworten drei Kernfragen:

Welche Kennzahlen passen zu unserem Content-Angebot?
„Finden Sie eigene Kennzahlen, mit dem Sie den Erfolg oder Misserfolg Ihres Angebots beurteilen können“, rät Rosenstiel.

Er nennt mindestens drei Kategorien:
– Klickzahlen: Unique Users, Page Views, Wiederkehrende Leser
– Zeit: Aktive Zeit, Zeit auf der Seite
– Soziales: Shares, Kommentare

„Finden Sie eine eigene Zahl, indem sie diese Werte erfassen und eine gewichtete Hauptkennzahl messen – je nach Zielen des Angebots”, erläutert er. Darin könnte dann beispielsweise die Zeit pro Artikel 40 Prozent zählen, die Zahl der Facebook-Likes 40 Prozent und die Zahl der Views 20 Prozent.

 

Welche Messwerte gelten als Erfolg?
Nicht für alle Kategorien sollten die gleichen Erfolgsmaßstäbe gelten. „Legen Sie lieber fest, dass Sie Ihre Werte bei Politik-Themen um zwanzig Prozent steigern wollen.“ Die Messungen in den sportbegeisterten Vereinigten Staaten hätten gezeigt, dass harte Politikthemen kaum gegen Football oder Collegesport ankommen.

Weitere Empfehlung: „Betrachten Sie nicht ihre zwanzig besten Artikel! Das sind Ausreißer für deren Erfolg es oft individuelle Gründe gibt, die aber nicht unbedingt den Alltag Ihrer Arbeit bestimmen sollten.“

 

Welche inhaltlichen Empfehlungen gelten über alle untersuchten Medien hinweg?
Eine Reihe Anregungen zur thematischen Ausrichtung der Seiten gelte über alle Angebote hinweg. Die fünf Wichtigsten:

– Zeigen Sie Engagement, dann tut der Leser es auch!
Nur fünf Prozent der untersuchten Artikel waren Eigeninitiativen der jeweiligen Redaktion (auch ein eigener Spin zu bereits existierenden Themen zählt hierzu), aber sie brachten 30 Prozent mehr Engagement der Leser: mehr Zeit auf der Seite, mehr Klicks, mehr Shares.

– Auf in die Tiefe, nicht in die Breite!
Viele User bilden sich zu ihren Lieblingsthemen inzwischen ein eigenes Medienset via Facebook, Twitter und Newslettern. Für General-Interest-Angebote wird es künftig schwer. „Werden Sie unverzichtbar zu einigen Kernthemen“, rät Rosenstiel, „geben Sie komplett auf, in denen Sie hinten liegen.“

Anders als es die Debatte häufig glauben macht, lesen Menschen online oft engagierter und bleiben länger an einem Artikel dran als in Print. Während Print-Nutzer die Breite suchten, wünschten sich Onliner Tiefe, erläutert Rosenstiel: „Printleser verhalten sich wie Bürger von Salt Lake City, Online-Leser benehmen sich wie Mormonen.“

– Eigene Formate bringen eigenes Publikum!
Nicht jede Wirtschaftsberichterstattung muss auf nationalen Kennzahlen beruhen: „Bilden Sie eine Regio-Kennzahl, die zum Beispiel die gelandeten Flüge am Regionalflughafen, die lokale Arbeitslosenzahl und Umsatzzahlen der Einzelhändler abbildet.“ Einmal etabliert brächten solche Formate dauerhafte Leserschaft.

– Alle schreiben, wir analysieren!
Wenn Themen von vielen Seiten nachrichtlich erzählt werden, ist eine einordnende Ergänzung oft sehr erfolgreich. „Analyse und eine eher erzählerische Aufbereitung bieten Mehrwert.“
Doch auch entlang Themen ließen sich Trends beobachten: Kriminalität und Politik lösen beispielsweise in nachrichtlicher Aufbereitung größeren Erfolg aus. Bei Sport, Essen und Ausgehtipps sorgen erzählerische Formate für deutlich mehr Engagement der Nutzer.

– Longform mit Bildern und Videos zieht!
Eigentlich offensichtlich, aber dank der API-Auswertungen noch einmal bestätigt: Aufbereitungen mit Bildern und Videos erfordern mehr Aufwand, aber sie bringen auch deutlich größeren Erfolg: längere Verweildauer insgesamt und eine größere Wahrscheinlichkeit, weitere Artikel zu lesen.

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