„Der Artikel löst sich vom Medium“: Irrweg oder Königsweg?

Konzept und Recherche: Anna Budich

Facebook werde „das Grosso der digitalen Welt“– nichts anderes als eine Vertriebsplattform bzw. ein -Dienstleister.“” sagte Matthias Döpfner, Vorstandschef von Axel-Springer. Dass Facebook mit der Einführung von Instant Articles zu einem Mega-Verlag werde, sah Döpfner nicht.

Die Bild gehörte zusammen mit dem Spiegel zu den 9 Kooperationspartnern, die bereits im Frühjahr die Kooperation eingegangen waren. Auch wir waren anfangs noch skeptisch über die plattformübergreifende Alternative und es  ist tatsächlich zunächst ruhig geworden um die Instant Articels. Bislang veröffentlichten die ersten Kooperationsverlage zunächst nur je einen Artikel. Und warteten zögerlich.

Doch diese Woche klingelte der Wecker: Inzwischen hat Facebook 30 Kooperationspartner, darunter neu hinzugekommen unter anderem die Huffington Post, Business Insider, die Recode-Mutter Vox Media, Time und CBS Interactive.

Um zu verstehen, warum die Washington Post eigenen Angaben zufolge jetzt alle ihre Inhalte über das Nachrichtenprojekt von Facebook veröffentlichen will, müssen wir zunächst die wichtigsten Vorteile betrachten:

Reichweite?

Die enorme Reichweite, die langfristig generiert werden kann, ist sicherlich das größte Plus für Verleger. Bisher befindet sich Instant Articels zwar noch in der Beta-Phase und es wird bislang nur über die iOS-App für 12,5 Prozent der Nutzer bereitgestellt, aber dass Facebook mit seinen 1,44 Billionen aktiven Nutzern pro Monat inzwischen ein Zug ist, auf den es sich nur aufzuspringen lohnt, ist bekannt. Und Facebook erzeugt teilweise bis zu 85% des Traffics.

Marketing/Kundenwissen?

Das größte Werbeargument, welches Facebook bringt, sind die Kundendaten. Verlage müssen inzwischen mehr über ihre Kunden erfahren und jeder wünscht sich einen “gläsernen Kunden”, um somit zielgruppengenauer Artikel platzieren zu können.

Schon lange legen auch Verlage Wert darauf ihre Kunden zu kennen. Sie verfolgen mithilfe unterschiedlicher Socialmediaanalysetools, was mit den eigenen Inhalten bei Facebook geschieht.  Das direkte Eingebundensein in das weltweit größte Netzwerk und von den direkten Daten profitieren zu können, bietet hier einen absoluten Mehrwert.

Kundengewinnung durch Service

Auch hoffen Verlage eine bessere User-Experience liefern zu können und somit vor allem mehr junge Leser zu binden. 75% kürzere Ladezeiten, ein direkter Zugriff auf Inhalte und die Mobile-First-Strategie sind Argumente, die genau das versprechen, womit sich die etablierten Verlagshäuser noch immer schwer tun.

Die Kundenansprüche haben sich geändert und plattformübergreifend ist schon lange überfällig.

Wegbereitung für (erneuerte) Marken

Die Washington Post geht natürlich einen mutigen Schritt damit, 100% der Inhalte über den Newsreader zu veröffentlichen. Doch wenn das Experiment als erfolgreich verbucht wird, bereitet es nicht nur die Wege für andere Medienunternehmen, sondern ebenso für Marken.

Diese können zukünftig ein ähnliches Konzept nutzen um Storytelling, Native Advertising und Real-Time-Campaigns über Social Media zu realisieren. Eine kostengünstigere Lösung als langfristige Kampagnen ist das auf jeden Fall.

Vorraussetzungen hierfür sind Mut zu Meinung und Bewegtbild. Denn für eine Social Media Plattform muss selbstverständlich auch die Erzählform noch einmal angepasst werden.

Marken wie Marriot, GE und Red Bull sind jedenfalls seit Sommer in den Startlöchern und können sehr erfreut sein über den Mut der Washington Post.